www.Crossover-agm.de AJALON: On The Threshold Of Eternity
von rls

AJALON: On The Threshold Of Eternity   (Threshing Floor Records)

Da stöbert man unmittelbar vor dem 2007er CrossOver-Redaktions-Weihnachtsmeeting noch einen Leipziger Second Hard-Tonträgerladen durch, und plötzlich schaut einen ein Coverartwork an, das an beste Seventh Avenue-Zeiten (also nicht an "Eternals", sondern an dessen Vorgängerwerke) erinnert. Den Bandnamen Ajalon zwar schon mal gehört, ihn aber nicht mehr präsent und einordnungsfähig habend, hört man kurz in die CD hinein und entschließt sich dann umgehend zum Erwerb. Eine weise Entscheidung, wie sich beim kompletten Durchhören der 69 Minuten herausstellen soll, denn "On The Threshold Of Eternity" enthält eine gute Anzahl starker Progrockstücke, wobei das vierminütige instrumentale Intro "Anthem Of The Seventh Day" stilistisch noch ein wenig in die Irre führt. Sänger Wil Henderson greift, weil er sonst nichts zu tun hätte, hier nämlich zur Irish Whistle, was dem Stück einen gewissen folkigen Anstrich gibt, der im restlichen Material nur noch selten auftritt. Als Archetyp eines Ajalon-Songs kann "The Promised Land" dienen, ein zumeist mittelschneller und auch in puncto Breakquotient und Notenanzahldurchschnitt in gemäßigten Gefilde siedelnder Progrocktrack, der mal zur elektrischen, mal zur akustischen Gitarre Zuflucht nimmt. Dieser Wechsel soll typisch für das Schaffen Ajalons bleiben, wobei im Mittelteil des Albums die Akustische etwas die Oberhand gewinnt und durch die dadurch eingeschränkte energetische Variabilität bisweilen etwas Langatmigkeit aufzukommen droht, die erst in den vielschichtigeren beiden regulären Abschlußtracks "Forever I Am" und dem Titeltrack wieder weggewischt werden kann - und das, obwohl beide Songs die Zehnminutengrenze überschreiten, der Titeltrack sogar deutlich um sechs Minuten. "Sword Of Goliath" wiederum weist zwar einen recht flotten Beat auf, aber hier wurde die Elektrische so weit in den Hintergrund gemischt, daß der kämpferische Charakter des Songs sich über die kompletten knapp sechs Minuten nur eingeschränkt zu entfalten vermag - da wäre mehr herausholbar gewesen. Einige Gastmusiker bereichern das Schaffen des Trios, so der in der frommen US-Szene Superstarstatus besitzende Phil Keaggy, der auch nicht gerade unbekannte Rick Wakeman (auf dessen Label Hope Records anno 1996 das Ajalon-Debütalbum erschienen war und der in "Forever I Am" einen Keyboardsound für seine Gastsoli wählt, den auch Arjen Lucassen des öfteren bei Ayreon eingesetzt hat) und im Titeltrack als Gastsänger schließlich auch noch Neal Morse, auf den man irgendwie schon seit der ersten Minute gewartet hat, zum einen weil Teile des Schaffens Ajalons durchaus auch auf Alben von Spock's Beard oder Morses Soloalben gepaßt hätten, zum zweiten weil die konsequente religiöse Ausrichtung der Ajalon-Lyrics auch seinem Konzept entspricht und zum dritten schließlich aufgrund der Tatsache, daß Ajalon-Multiinstrumentalist Randy George auch auf Morses Soloscheiben zu hören ist. Im Vergleich etwa zu "Sola Scriptura" kann man sich allerdings deutlich einfacher in "On The Threshold Of Eternity" einarbeiten, und "Holy Spirit Fire" (der Song, in dem Keaggy mitwirkt) hätte im US-Radio durchaus berechtigte Airplaychancen, wenn er nicht sechs Minuten lang wäre. Der sanfte Akustikrock von "Psalm 61" weist allerdings ähnliche Airplayqualitäten auf und besitzt mit 4:04 Minuten auch ein passenderes Format - da stört auf dem Weg zur Herrschaft über den Äther eigentlich nur noch die Tatsache, daß Ajalon nicht über einen Major mit entsprechender Marktmacht veröffentlichen, sondern auf dem Eigenlabel Threshing Floor Records, über das beispielsweise auch Randys Soloscheiben erhätlich sind, das aber eben tiefsten Seattle-Untergrund darstellt. In ebenjener Stadt haben sich Ajalon anno 1994 zusammengetan, hatten aber marktstrategisch keine Chance, da sie eben in keiner Sekunde nach dem seinerzeit schon wieder abflauenden Seattle-Sound von Nirvana bis Soundgarden klangen. Das tun sie erfreulicherweise auch anno 2005 (in jenem Jahr erschien "On The Threshold Of Eternity", und es ist bis heute das aktuellste Album der Band) noch nicht, statt dessen wird der Freund klassischen Progrocks von der 1. bis zur 69. Minute fündig und entdeckt Songjuwelen wie die bereits erwähnten beiden Longtracks oder das ebenfalls sehr starke "What Kind Of Love", dem man wie dem kompletten Album lediglich noch eine etwas stärker differenzierte und akzentuierte Produktion gewünscht hätte, das aber dafür mit interessanten Backingvocalarrangements punktet (noch ausgefeiltere findet man in "Forever I Am", und vor Beschluß von dessen fünfter Spielminute, später wiederkehrend, vermeint man doch glatt wieder die Satzgesänge der Münchener Freiheit zu vernehmen). Ob man Wils äußerst sanfte Stimme mag, dürfte pure Geschmackssache sein - auch in den rockenden Passagen geht er kaum stärker aus sich heraus, trifft aber melodieseitig jeden Ton, bewegt sich in angenehmen mittleren Höhenlagen und streichelt mit dem weichen Timbre die Seele des empfindsamen Hörers (man achte mal auf das dreimal wiederholte Wort "forever" am Ende des erste Teils von "Forever I Am"). Nebenbei bemerkt könnte Ajalon nur zweite Wahl bei der Frage nach dem Bandnamen gewesen sein, aber Threshold war halt schon an ein ähnlich starkes britisches Progprojekt vergeben. Man sehe den Albumtitel, den Namen des Eigenlabels und den Hidden Track - der stammt von Moody Blues, und deren Eigenlabel hieß Threshold Records, eines der erfolgreichsten ihrer Alben "On The Threshold Of A Dream". Mit Schwellen haben's die drei Amerikaner also offensichtlich (auch dieses Wort beinhaltet ja eine religiös geprägte Komponente, wenngleich das Tor auf dem Cover, durch das zwei weiße Tauben fliegen, ohne eine Schwelle auskommt), und sie könnten mit ihrer noch relativ zugänglichen Kompositionsweise helfen, die Schwellenangst gegenüber Progrock bei dem einen oder anderen Hörer zu reduzieren. Aber auch für den bereits progsozialisierten Hörer lohnt sich der Erwerb definitiv, und wer sich eine Progversion von John Wettons Soloalben vorstellen kann, wird mit "On The Threshold Of Eternity" sicher glücklich.
Kontakt: www.ajalon.net

Tracklist:
Anthem Of The Seventh Day
The Promised Land
Sword Of Goliath
Holy Spirit Fire
Psalm 61
What Kind Of Love
The Highway
Forever I Am
On The Threshold Of Eternity



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