www.Crossover-agm.de REAPER: Fairies Return
von rls

REAPER: Fairies Return   (Karthago Records)

Daß man den Sensenmann nicht fürchten müsse, verkündeten schon Blue Öyster Cult in den Mittsiebzigern und könnten daher aus chronologischen Gründen die Bandnamensinspirationsquelle für diese jungen Kasseler abgegeben haben, was den musikalisch als potentielles Vorbild viel besser passenden Grave Digger aus ebenjenen Gründen nicht möglich gewesen wäre, denn deren "The Reaper"-Album ist bekanntlich erst 1993 erschienen, und da waren Reaper schon fast ein Jahrzehnt am Wirken, wenngleich sich dieses Wirken vor einer im nationalen oder gar internationalen Maßstab eher bescheidenen Kulisse abspielte: Obwohl Reaper eine erstaunliche personelle Kontinuität aufwiesen (sie mußten nur regelmäßig den Drummer wechseln), blieben sie businesstechnisch auf der Stelle hocken: Der eigenproduzierten EP "Fairies Return" aus dem Jahr 1986 folgten zwei Studioalben auf dem berüchtigten Metal-Enterprises-Label bzw. der damals schon auf dem absteigenden Ast befindlichen belgischen Firma Mausoleum Records, und dann war das Goldene Zeitalter des Metal sowieso vorbei, wobei Reaper zwar nicht die Flinte komplett ins Korn warfen, aber ihre metallische Suppe auf ganz kleiner Flamme köcheln lassen mußten, was freilich durchaus immer noch das eine oder andere Tonzeugnis interessanter Natur erbrachte, wie auf diesen Seiten bezüglich "Victory V" (EP) und "Garden Of Seth" (Album zum 25jährigen Bandjubiläum) nachzulesen ist.
Mit der vorliegenden CD dagegen begeben wir uns in die Frühzeit der Kasseler zurück: "Fairies Return" war wie erwähnt ihr erstes Vinyl-Tonzeugnis, eine Eigenproduktion, deren sicherlich überschaubare Auflage schon ewig vom Markt verschwunden war, somit einen Raritätenstatus produzierend, den Karthago Records mit der vorliegenden Wiederveröffentlichung nun etwas abzumildern bestrebt ist. Hätte es zur Zeit dieses Re-Releases die neue Karthago-Serie "Heavy Metal Classics" schon gegeben, "Fairies Return" wäre dort gut aufgehoben gewesen, aber das ist sie natürlich auch als eigenständige Scheibe. Freilich muß man wissen, worauf man sich hier einläßt: noch etwas unbeholfen klingenden typisch deutschen, wenngleich einige internationale Einflüsse atmenden Metal, dessen Produktion die schmale Bandkasse erahnen läßt, woraus selbst das 2012er Remastering nur in begrenztem Rahmen etwas ändern konnte. Aber Reaper ließen schon hier erahnen, welches Potential in ihnen steckte, nämlich das zu einem soliden Bestandteil der deutschen Traditionsmetalszene, der zwar nicht in die erste Reihe vorstößt, aber einen ungefährdeten Platz in der zweiten Reihe einzunehmen in der Lage ist. Der flotte Opener "Killing Machine" führt jedenfalls gut ins Geschehen ein, und der folgende Titeltrack läßt die internationalen Einflüsse am deutlichsten zur Geltung kommen - das Riffing trägt hier relativ deutlich die Handschrift der frühen Iron Maiden. "Emotional Rescue (I Love You So)" entpuppt sich erstaunlicherweise nicht als Ballade - diesen Job übernimmt "Ruling The Earth", der letzte Song der EP, unglücklicherweise namensgleich mit dem Titeltrack der gerade ein Jahr zuvor erschienenen Steeler-Scheibe und in den ruhigen Passagen Sänger Thomas "Benny" Bennecke die damaligen Grenzen seiner Stimme deutlich vor Augen führend, wenngleich natürlich zu fragen wäre, was er unter besseren Produktionsbedingungen zu leisten imstande gewesen wäre.
Die Antwort darauf erhält man in einigen der insgesamt neun Bonustracks. Die ersten beiden stammen vom 1988er "Metalorwhat"-Demo, sind also noch vor dem ersten Vollzeitalbum erschienen und machen einen doppelten Quantensprung deutlich: Erstens ist das Klanggewand deutlich besser, und zweitens hat sich wie erwähnt Benneckes Gesang deutlich verbessert, wobei er etwas rauher zu Werke geht als früher, was dem traditionellen Power Metal aber gut zu Gesicht steht. "Invader" begeistert darüber hinaus auch wieder durch die mittels relativ hoher Geschwindigkeit transportierte Energie, "In The Middle Of The Night" werkelt im Midtempo und überrascht mit einem deutlichen Anklang an ältere Judas Priest - man lausche mal genau auf die Bridge vor Minute 3, wo Bennecke Rob Halford in dessen tieferen Lagen durchaus ähnelt. Ebenso wie diese beiden Tracks fand auch einer der drei Tracks einer Pre-Production aus dem Jahr 1991 letztlich nirgendwo Verwendung, was angesichts seiner Klasse mehr als schade ist und seine Veröffentlichung im hier gegebenen Kontext deshalb umso begrüßenswerter werden läßt. Reaper haben sich nochmal deutlich gesteigert, setzen Akustikelemente viel geschickter ein als früher und machen geschwindigkeitstechnisch ordentlich Druck. "Crawling Nearer" kombiniert die altbekannten Iron-Maiden-Einflüsse dabei geschickt mit den Speed-Elementen, "Fountain Of Youth" täuscht zunächst eine Ballade an, bevor der Quell der Jugend druckvoll zu sprudeln beginnt, und "Thousand Years" ist vom Drumarrangement her das wohl anspruchsvollste Stück der "jungen" Reaper, wirkt aber auch durch einen schönen episch-schwelgenden Zwischenteil als erste Hälfte des Hauptsolos, wobei der Gesang hier an zwei Stellen ein wenig unausgereift wirkt: in der Einpassung der extrem hohen Backings gleich zu Beginn und in den "Ahahah"-Chören am Ende des Hauptsolos. Aber diese kleinen Probleme wären bei einer "richtigen" Studioaufnahme dann sicherlich noch behoben worden, wobei der Rezensent das "Cardinal Sins"-Album, für das dieser Song und "Crawling Nearer" letztlich professionell eingespielt wurden, nicht besitzt und daher nicht querhören kann. "Fountain Of Youth" dagegen war bisher komplett unveröffentlicht, was auch auf die vier letzten Tracks der CD zutrifft, die allesamt vom ersten, selbstbetitelten Demo stammen. Die Quellen differieren, welchen Gesangsanteil Gitarrist/Alleinkomponist Daniel Zimmermann damals schon hatte (mit "Cardinal Sins" hat er den Gesangsposten dann gleich komplett mit übernommen), und es ist schwer einzuschätzen, was hier von ihm stammt, was von Bennecke und was eventuell von Bassist Matthias Kraft, bis heute zweite tragende Säule der Band. Die auffälligsten dieser vier Tracks sind die letzten: "I Love You" ist nicht etwa eine Ballade, sondern ein zweiminütiger Speed-Metal-Track mit leicht punkigem Touch, während sich "Far Away" als achtminütiges Epos entpuppt, wie es in dieser Form anno 1985 im deutschen Metal Seltenheitswert besaß. Reaper waren damit also eigentlich ganz weit vorn, aber diverse Widrigkeiten verhinderten wie beschrieben ihren Aufstieg in die Metal-Bundesliga. Die 13 Songs der CD bringen es auf eine knappe Stunde Spielzeit - Platz für mehr wäre also noch gewesen, und "Reaper" enthielt original auch nicht nur vier Songs, sondern sechs, während "Metalorwhat" aus sieben und nicht nur zwei Songs bestand. Aber die jeweils anderen fanden auf den Studioalben "The Years Within" und "Beyond All Time" Verwendung, ergo wird es da möglicherweise rechtliche Gründe gegeben haben, diese nicht mit auf die vorliegende CD zu packen (inhaltlich-strukturelle wohl eher nicht, denn sonst hätten die beiden Vorproduktionen zu "Cardinal Sins" auch nicht mit verewigt werden dürfen). Sei es, wie es sei: Mit "Fairies Return" (booklettechnisch ausgestattet mit Bandfotos und diversen strukturellen Infos) können Deutschmetalanhänger wieder eine Lücke in der Sammlung schließen, und wer Reaper erst mit ihren jüngeren Veröffentlichungen kennengelernt hat, etwa dem 30jährigen Jubiläumsalbum "An Atheist Monument", der kann hier einen reizvollen Blick in die Vergangenheit werfen.
Kontakt: www.reaper.de, www.karthagorecords.de

Tracklist:
Killing Machine
Fairies Return
Emotional Rescue (I Love You So)
Ruling The Earth
Invader
In The Middle Of The Night
Crawling Nearer
Fountain Of Youth
Thousand Years
Don't Take It Away
Breaking Out My Fear
I Love You
Far Away
 




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