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von ta

RETROHEADS: Introspective   (Unicorn Digital)

Kenner wissen, dass Unicorn Records/Digital bzw. Mastermind Michel St. Pére DER Ansprechpartner ist, wenn es um Prog Rock nicht nur aus dem Nordamerikanischen geht. Neben den exquisiten Frickeljazzmetalscheibletten von Spaced Out gibt es mit Kaos Moon, Pictorial Wand oder eben den Retroheads hörenswerten Stoff, aus dem die feuchten Nächte des Progressive-Supporters gemacht sind. Und der Zweitling der Retroheads ist auch so ein liquides Träumerchen geworden. Bei den Norwegern hat's ein wenig im Besetzungskarton gerappelt. Die wichtigste Neubesetzung hierbei ist wohl die Einführung eines Lead-Vokalisten, der die Band auf sieben Leute aufstockt. Das hat nicht nur zur Folge, dass der Gesangsanteil im Vergleich zum formidablen Vorgänger "Retrospective" plötzlich ungemein hoch ist, sondern sorgte auch für eine dezente musikalische Umorientierung. Klar, die Retroheads können immer noch nicht verbergen, dass sie alles, was nach den 70ern kam, nur noch semigut finden, aber die ausufernden Instrumental-Weltraumreisen des Erstlings wurden nunmehr doch merklich zurückgenommen und machen einer neuen, sehr Song-orientierten Linie Platz, bei der man weniger an Genesis (wie noch auf "Retrospective") als an die Flower Kings denkt. Skeptiker sollten sich mal das megageile Eröffnungstrio "Rainy Day"/"Living In A Bubble"/"Celebration" einfahren: Gesangslinien, die sich beim zweiten Hören schon tief ins Hirn fräsen, fette Orgelabfahrten und Space-Fiepeleien, spannende, völlig unposige Soli, lehrbuchreife Arrangements (Übergang zum Solo zu Ende der dritten Minute von "Celebration") - und dabei sind die Retroheads plötzlich richtig eingängig, merkfähig und haben eine melancholische Grundnote. Perfekt. Leider können die restlichen sechs Songs des Albums dieses Niveau nicht halten (auch wenn kein einziger Füller auf "Introspective" zu finden ist). Aber besonders "I Turn To You" und "Karma" fallen nur unmerklich ab und begeistern mit ihrem Kontrast aus melancholischen, sparsamen Strophen und fröhlichen Aufbruchsrefrains, während letzterer Song hierbei noch am ehesten die Richtung des ersten Albums einschlägt. Auch das abwechslungsreiche, aber etwas zu lange "Slaves Of Gold" ist sehr einprägsam, wobei die weiblichen Backings teilweise ziemlich abgefahrene Harmoniekost bieten. Die stete gesangliche Unterstützung von Hauptsänger Mike Mann durch Ann-Kristin Bendixen und Deborah Girnius (besonders in den Refrains) gehört überhaupt zu den Geniestreichen des Albums: Niemals kitschig-schmusig, niemals überflüssig, sondern immer ein neues, interessantes Element im Ganzen, das nicht nur technisch brillant vorgetragen wird, sondern auch richtig spannend klingt. Und dass die ausufernden Soli von Hammond/Mellotron/ARP ... und Gitarre mal wieder schwebende Feinkost sind, muss wohl nicht extra erwähnt werden. Ja, die Retroheads können richtig gute Musik schreiben und "Introspective" gibt mir persönlich mehr als das letzte Album der Flower Kings. Außerdem: So retro klingt die Band gar nicht mehr.
Was gibt es zu den Texten zu sagen? Die sind sehr direkt, leicht verständlich und haben auch einen melancholischen Unterton - der sich allerdings etwas zu oft ins Kitschige wendet, wenn Allgemeinplätze bearbeitet werden. Dabei meine ich weniger die Liebeslyrik von "I Turn To You", sondern z.B. die Yuppie-Veralberung und Materialismuskritik "Slaves Of Gold". Und die Vision, wie sie in "One World" beschrieben wird, ist bei allem lobenswerten Grundgedanken dermaßen abgedroschen und wird so naiv beschrieben, dass das Martin Luther King-Sample in der Mitte beinahe wie eine Realsatire wirkt. Gut gemeint ist eben manchmal wirklich das Gegenteil von gut gemacht. Das ändert am Ende natürlich nichts dran, dass jedem Prog Rocker "Introspective" dringend anempfohlen sei.
Kontakt: www.retroheads.com; www.unicorndigital.com.

Tracklist:
1. Rainy Day
2. Living In A Bubble
3. Celebration
4. One World
5. Black Hole Eyes
6. I Turn To You
7. Slaves Of Gold
8. The Tidal Wave
9. Karma



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