www.Crossover-agm.de TARJA TURUNEN & MIKE TERRANA: Beauty & The Beat
von rls

TARJA   (earMusic)

Mike Terrana spielt außer in einem gefühlten Dutzend anderer Bands auch in der Soloband von Tarja Turunen Schlagzeug, und damit die "Chefin" dort im Konzert auch mal zu einer Pause kommt, sieht die Setlist im Regelfall ein Drumsolo vor, allerdings nicht im strengen Sinne des Begriffs, sondern zumindest partiell in der Ausgestaltung, daß Terrana Drums zu einem eingesampelten Orchesterstück spielt. Was in der Kurzform funktioniert, könne ja vielleicht auch in der Langform Gestalt annehmen, muß ein kreativer Kopf gedacht haben, und so entstand 2011 ein Konzertprojekt mit Turunen und Terrana als Quasi-Solisten eines Orchesterkonzertes. Die Aufführung im gleichen Jahr im Philippopolis-Amphitheater im bulgarischen Plowdiw scheint so erfolgreich gewesen zu sein, daß die Idee ausgebaut wurde, nämlich zu einem kompletten Tourprojekt im Jahre 2013, das mit drei verschiedenen Orchestern durch einige osteuropäische Staaten, natürlich Finnland und schlußendlich noch durch Mexiko und Peru führte. In der tschechischen Stadt Zlín (übrigens die Partnerstadt von Altenburg, wo der Rezensent sein hauptberufliches Büro hat) war die Nachfrage so groß, daß im dortigen Kongreßzentrum gleich drei Konzerte angesetzt wurden und alle drei den Ausverkauft-Status vermelden konnten, wobei ein sehr gemischtes Publikum vom Anzugträger bis zum Metaller mit Children-Of-Bodom-Shirt anwesend war. Diese drei Konzerte vom 4., 5. und 6. April 2013, bei denen das Bohuslav Martinu Philharmonic Orchestra und der Pevecky Masarykovy Univerzity Brno Choir unter der Leitung von Walter Attanasi mitwirkten, wurden mitgeschnitten und liegen nun in DVD-Form vor.
Die alles entscheidende Frage ist nun aber: Funktioniert das Konzept? Diese ist mit einem klaren Jein zu beantworten. Fangen wir mit dem Ja-Teil an - der umfaßt alle Beiträge mit Tarja als Solistin. Die Gattung des Orchesterliedes ist seit Jahrhunderten fest im Kanon der klassischen Musik verankert, und da spielt es prinzipiell erstmal keine Rolle, ob es sich um eine Bach-Arie wie "Blute nur" aus der Matthäus-Passion BWV 244/I/12 (auch wenn dem Freund der Historischen Aufführungspraxis angesichts des hier zu Sehenden und zu Hörenden die Haare büschelweise ausfallen werden), explizit in den engeren Sinn der Gattung Orchesterlied gehörende Beiträge wie "Zuneignung" von Richard Strauss (die Tracklist weist tatsächlich diesen völlig unsinnigen Titel aus, ein Sprachmix aus Zuneigung und Zueignung - korrekt ist "Zueignung") oder neuzeitliches Liedgut aus Tarjas Soloschaffen handelt. Zwar spielt das Orchester den entsprechenden Background ohne große Stilvariationen, aber das ist in derartigen Crossoverprogrammen ja nicht selten der Fall, und wie erwähnt haben sich Puristen aller Lager vermutlich schon relativ früh kopfschüttelnd abgewendet - für diese ist "Beauty & The Beat" definitiv ungeeignet. Nimmt man das Ganze dagegen als bewußtes Crossoverprogramm mit Unterhaltungsanspruch wahr, so kann man die Gesangsnummern überwiegend richtig gut finden. Zwar braucht Tarja ein wenig Zeit zum "Warmsingen" und wirkt im erwähnten "Blute nur" noch ein wenig kurzatmig, aber schon in "Zueignung" gewinnt die Stimme immer mehr an Präsenz, und man ist angesichts starker Leistungen wie der Bewältigung des schwierigen Schlußtones in Franz Lehárs "Vilja-Lied" (aus der Operette "Die lustige Witwe") auch geneigt, ihr den arg putzigen Akzent in diesem Lied zu verzeihen (ihre Karlsruher Zeiten liegen ja auch schon viele Jahre zurück, so daß ihr die deutsche Sprachpraxis fehlt). Und daß sie mit ihrem eigenen Solo- sowie mit Nightwish-Material problemlos zurechtkommt, von dem fünf Stücke im Set stehen ("The Reign" und "I Walk Alone" vom "My WinterStorm"-Debüt, "Into The Sun" aus dem "Act I"-Klassikprojekt, das es dann erst im Kontext des 2013er "Colours In The Dark"-Albums als Studiofassung gab, "Witch-Hunt", das noch gar nicht als Studioeinspielung existiert, obwohl sogar mittlerweile eine Facebook-Faninitiative dies fordert, sowie der Nightwish-Klassiker "Swanheart" vom "Oceanborn"-Meisterwerk), davon war natürlich von vornherein auszugehen.
So weit, so gut. Aber da ist ja noch die andere Solokomponente, nämlich das Drumming von Mike Terrana, der rechts vorn auf der Bühne sein gewohnt riesiges Kit aufgebaut hat. Und am Ende der DVD kommt man zu der Erkenntnis, daß nicht alles, was in der Livesituation im Rahmen eines "normalen" Tarja-Solo-Konzertprogramms für ein paar Minuten funktioniert (oder, wie böse Zungen sagen würden, aushaltbar ist), auch ein halbes Konzertprogramm lang als Bereicherung oder zumindest als Erlebnis im positiven Sinne empfunden werden kann. Das Kit steht in einem Plexiglaskäfig, und die Snare ist schon relativ dumpf abgemischt - dennoch dominiert das Drumming zumindest in der auf der DVD zu hörenden Abmischung den Orchesterklang so sehr, daß man sich häufig unangenehm berührt oder gar gestört fühlt. Strukturelles Problem dabei ist, daß die Stimme in den jeweiligen Originalkompositionen in der Funktion, wie sie in den Arrangements zu hören ist, konzipiert wurde, die Drums jedoch in den allermeisten Fällen eine Hinzufügung darstellen, und es beschleicht einen das Gefühl, daß diese oftmals etwas "an den Haaren herbeigezogen" ist, vorschmeckt und ganz und gar nicht in das große Ganze integriert wirkt. Das fällt besonders dann auf, wenn die Funktion der Drums innerhalb eines Stückes wechselt. Paradebeispiel hierfür ist Jacques Offenbachs "Can-Can" aus "Orpheus in der Unterwelt": Solange die Drums hier die Funktion haben, einfach nur den furiosen Rhythmus nach vorn zu treiben, sind sie genial - sobald sie anfangen, sich als Solostimme zu begreifen, sind sie so nervig wie in vielen anderen Stücken des Programms. Die vordergründige Abmischung führt dann beispielsweise dazu, daß "Swanheart" nach dem traumhaften Beginn eher zum Alptraum wird, als Terrana einsetzt, und selbst Konzertmeister Pavel Mikosch mit seinem schönen Hauptsolo kaum noch etwas retten kann. Die Orchesterballade "The Reign" wiederum, auf "My WinterStorm" ein eher unauffälliges Stück, gewinnt in der Liveumsetzung gewaltig und mündet in einem schönen Bombastfinale - und Terrana spielt hier nur Pauken und fügt sich blendend in das große Gesamtbild ein. "Witch-Hunt" hingegen geht als Prototyp der Problemlage auch bei den Eigenkompositionen durch: Außer im schönen Zwischenspiel bleibt vom Orchester im Drumgewitter herzlich wenig übrig. Neben den "erwartbaren" modernen Zutaten hält die Setlist übrigens auch noch ein paar Überraschungen bereit, alle im zweiten Teil des Konzertes. "You Take My Breath Away" aus der Feder Freddie Mercurys (ein eher weniger im Fokus stehender Queen-Song vom Album "A Day At The Races") eröffnet diesen zweiten Teil als A-Cappella-Nummer von Tarja und dem Chor, das Led-Zeppelin-Medley beweist arrangementseitig Mut (Kalevi Olli zeichnet für selbige Tätigkeit auch in diversen anderen Nummern verantwortlich), indem man von "Stairway To Heaven" den bekannten Anfangsteil wegläßt und erst mit dem Hauptsolo (wieder ist Mikosch am Werk) einsetzt. Kurz vor Schluß erlauben sich die Sängerin und der Schlagzeuger sogar noch den Spaß, die Plätze zu tauschen, und der coole Swing von "Fly Me To The Moon" (eine von Bart Howard stammende und durch Frank Sinatra popularisierte Komposition) beweist, daß Turunen zumindest problemlos einen Drumrhythmus halten kann und Terrana gar kein übler Sänger ist. Apropos Spaß: Selbiger hat bei diesem Projekt offenbar im Vordergrund gestanden, was auch offen klamaukige Elemente einschließt, etwa wenn Terrana zu "Eine kleine Nachtmusik" mit Mozart-Perücke auf die Bühne kommt oder wenn ihm Attanasi nach dem zweiten falschen Einsatz in Dvoráks Sinfonieexzerpt "Aus der neuen Welt" die Noten richtig herum dreht. Der Hörer bzw. Betrachter der DVD hat wie beschrieben nicht durchgängig Spaß, auch wenn der Unterhaltungswert nicht wegzudiskutieren ist und das Ganze im Konzertsaal als Liveerlebnis offensichtlich wirklich prima funktioniert. Neben den 140 Minuten des Konzertes enthält die Silberscheibe noch eine relativ flott programmierte Fotogalerie, die das gesamte Konzertprojekt von den Anfängen in Plowdiw bis zum Finale in Lima Revue passieren läßt.
Kontakt: www.tarjaturunen.com, www.ear-music.net

Tracklist:
Carmen Overture
Concert For Violin And Oboe
Blute nur
Zuneignung [sic!] op. 10 Nr. 1
Barber Of Seville
New World Symphony
Song To The Moon
Vilja Lied
O Mio Babbino Caro
The Reign
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You Take My Breath Away
Witch-Hunt
Led Zeppelin Medley: Kashmir/Immigrant Song/Stairway To Heaven/Kashmir
Swanheart
Can-Can
Mein Herr Marquis
Fly Me To The Moon
Into The Sun
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William Tell Overture
I Feel Pretty
Eine kleine Nachtmusik
I Walk Alone



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