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von rls

TOURNIQUET: Where Moth And Rust Destroy   (Metal Blade Records)

Die Aufgabe, ein Meisterwerk wie den Vorgänger "Microscopic View Of A Telescopic Realm" toppen zu müssen, gehört zu den undankbarsten, die man einer Band wohl stellen kann. Tourniquet haben sie laut Bandkopf Ted Kirkpatrick zu bewältigen versucht, indem sie wieder einen Schritt weitergegangen sind, was indes nur zum Teil stimmt, denn während tatsächlich einige neue Elemente, auf die noch einzugehen sein wird, Einzug auf "Where Moth And Rust Destroy" hielten, hat die Band aber auch zum einen die generelle Marschrichtung von "Microscopic ..." beibehalten, also praktisch eine Stilkonservierung vorgenommen, und zum anderen hier und da gar auf konkrete Musikfragmente des Vorgängeralbums zurückgegriffen. Die harmonische Gestaltung des Intros zum Titeltrack beispielsweise ist so typisch für Teds Songwriting (das er diesmal übrigens im Alleingang erledigte), wie nur irgendein Element typisch für Teds Songwriting sein kann, ohne aber ein konkretes Vorbildmoment durchscheinen zu lassen, wohingegen es die klassischen Tonfolgen am Beginn von "Drawn And Quartered" nahezu unverändert irgendwo auf "Microscopic ..." schon mal gab. Trotz einer gigantischen Einflußspannweite zwischen Barock und Death Metal ist der progressive Thrash Tourniquets also in gewissem Maße ausrechenbar, wozu natürlich auch Teds origineller Drumstil (dessen Eigenständigkeit in letzter Konsequenz allerdings wohl nur die trommelnden Fachkollegen beurteilen können) sein Scherflein beiträgt. Auch Sänger Luke bildet mittlerweile einen Identifikationsfaktor der Band (mancher Hörer mag immer noch Guy Ritter nachtrauern und sich am hardcorebeeinflußten Bellen Lukes stören, aber das dürfte wie immer Geschmackssache bleiben), und komischerweise hat der Verlust von Gitarrist Aaron Guerra nahezu nichts am Sound des Riffings geändert. Aber damit sind wir schon bei den Veränderungen im Sound von Tourniquet. Zunächst verfügte die Band seit längerem mal wieder über einen konsequenten Leadgitarristen (Aarons Präferenzen lagen eindeutig im Riffspiel), zudem über einen gleichermaßen bekannten wie fähigen: Marty Friedman. Das führt zu einer Stärkerbetonung des Gitarrensoliaspekts, welche Elemente zudem mit einer beeindruckenden Leichtfüßigkeit in die Songs eingeflochten werden. Natürlich dominiert aber immer noch fettes Riffing, und daran hat das Spiel von Ex-Trouble-Gitarrist Bruce Franklin einen gewichtigen Anteil. Ob sein Engagement auch für die im Vergleich zu "Microscopic ..." teilweise massiv gedrosselte Geschwindigkeit verantwortlich war, muß offenbleiben - daß ein Song wie "In Death We Rise" akute Trouble-Einflüsse aufweist, kann indes von niemandem bestritten werden, und es wäre auch nicht schlimm, wenn, ja wenn dieser Song mit seinen sieben Minuten nicht so furchtbar langweilig wäre. Eine gute Doom-Combo zeichnet die Fähigkeit aus, den Hörer durch geschicktes Variieren der naturgemäß beschränkten Stilmittel bei Laune zu halten oder aber ihn in einen völligen apokalyptischen Abgrund zu stürzen. Candlemass etwa gehören zur ersten Kategorie, die legendären Winter zur zweiten, aber Tourniquet landen genau wie das mir nur ausschnittweise bekannte Trouble-Werk exakt zwischen den Stühlen. "In Death We Rise" ist nicht massiv genug, um eine Wintersche Untergangsstimmung zu erzeugen, und ihm wurde zugleich die musikalische Vielfalt entzogen, die das gelangweilte Einschlafen des Hörers verhindert.
Auch an anderen Stellen tun sich Problemzonen auf: Tourniquet arbeiten in ihren vielschichtigen Kompositionen des öfteren mit harschen Breaks, abrupten Übergängen und sehr unterschiedlichen Einzelparts. Auf "Microscopic ..." verstanden sie es allerdings, alle Einzelteile so paßgenau und logisch zusammenzufügen, daß ein einziges gewaltiges Ganzes entstand. Diese Fähigkeit ist auf "Where Moth ..." an einigen Stellen verlorengegangen. Der siebenminütige Titeltrack an sich ist beispielsweise ein sehr guter Song mit viel passender Abwechslung - wenn da dieser Refrain nicht wäre, der wie notdürftig eingekittet wirkt, gar nicht zum Rest passen will und dessen Anfahrt holpert wie einst die legendäre "Straße" zwischen Lehndorf und Heiligenleichnam im Altenburger Land, die man schon im Interesse der Gesunderhaltung des eigenen PKWs mit nicht mehr als 10 km/h befahren konnte. Noch schlimmer wird's in "Drawn And Quartered", das zwischenzeitlich einfach mal aufhört und man schon den Beginn des nächsten Songs "A Ghost At The Wheel" zu vernehmen meint, da in den nachfolgenden Klängen auch keine musikalische Verwandtschaft mit dem gehörten Rest von "Drawn And Quartered" festzustellen ist, bevor der Hörer durch einen Blick aufs Display belehrt wird, sich doch noch in "Drawn And Quartered" zu befinden und irgendwann sogar mal ein schon gehörtes Thema auftaucht. Es gibt also diverse eher pseudoprogressive Passagen auf "Where Moth ..." zu entdecken. Allerdings wollen wir bei aller notwendigen Kritik auch die nach wie vor zahlreichen positiven Beispiele für die Fortschrittlichkeit und Spielfreude Tourniquets nicht vergessen, und diese dominieren die knapp 60 Minuten dankenswerterweise eindeutig. Den abgedrehten Beginn von "Architeuthis" (mit einer Art simulierter Tierstimmen, unterlegt mit fiesem Getrommel) beispielsweise soll Ted erstmal einer nachmachen, ohne daß das Ganze lächerlich wirkt. Dagegen verdeutlicht die zweite Hälfte von "Convoluted Absolutes", was passieren würde, wenn eine Thrashband mit ihren typischen Soundmerkmalen ursprünglichen Göteborgdeath umsetzt. "Restoring The Locust Years" und "A Ghost At The Wheel" mit ihrer für Tourniquet-Verhältnisse winzigen Länge von 3:30 bzw. 4:18 sind dagegen fast "Hits", natürlich aber trotzdem noch mit zahlreichen Breaks aller Art ausgestattet. Von letztgenannten wimmelt naturgemäß besonders der Neuneinhalbminüter "Healing Waters Of The Tigris", nicht ganz so monumental wie "The Skeezix Dilemma II", nach der gewöhnungsbedürftigen Sitar (?) im Intro allerdings rasch an Flutwellenhöhe gewinnend und eine Art improvisierten Mittelteils bietend, der in dieser Formvollendung nur großen Musikern gelingt. Nach diesem Song hätte eigentlich Schluß sein sollen - aber nein, es folgt noch dieses "In Death We Rise" ... Wer Trouble mochte (es sei hier kurz Matthias Herrs Einschätzung von Trouble eingeflochten: "For Masochists only!!!"), wird vielleicht auch mit diesem Song was anfangen können, aber ich kann's wie beschrieben nicht. Im Vergleich mit "Microscopic ..." brauchte "Where Moth ..." generell eine deutlich längere Anlaufzeit, um sich in meinen Gehörgängen einzunisten - nach dem allerersten Durchlauf war ich noch richtig enttäuscht von dem Ding, mittlerweile ist es wie beschrieben allerdings deutlich "gewachsen". Während dieses Prozesses kann man sich ja parallel mit den Lyrics befassen, hauptsächlich aus der Feder von Ted und in bekannter Weise mit Referenzbibelstellen versehen, um eine weitergehende Beschäftigung zu ermöglichen. Daß "Healing Waters Of The Tigris" nun ausgerechnet auf die alttestamentarische Zerstörung Ninives Bezug nimmt und die zugehörige Platte mitten im Irakkrieg erscheint, hätte Zufall sein können - die Tatsache, daß sich Ted im Interview mit dem Beyond The Veil-Webzine als Kriegsbefürworter outet (wenn auch als einer der nicht ganz so plumpen Sorte), sei hier aber zumindest als Denkanstoß mit erwähnt. Denn merke: Es ist nicht alles Irdische einerlei. Und die kritische Reflexion der Musik auf "Where Moth ..." schon gar nicht. Insgesamt ein gutes Album, aber kein Oberhammer wie sein Vorgänger.
Kontakt: www.metalblade.de, www.tourniquet.net

Tracklist:
Where Moth And Rust Destroy
Restoring The Locust Years
Drawn And Quartered
A Ghost At The Wheel
Architeuthis
Melting The Golden Calf
Colvoluted Absolutes
Healing Waters Of The Tigris
In Death We Rise
 




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