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TARJA TURUNEN & HARUS: In Concert - Live At Sibelius Hall
von rls

TARJA TURUNEN & HARUS: In Concert - Live At Sibelius Hall   (earMusic & Berlin Classics)

Als Tarja Turunen im Oktober 2005 ihr Kündungsschreiben von Nightwish bekam, fiel sie künstlerisch nicht etwa in ein Loch, sondern konnte von einem Netzwerk profitieren, daß sie sich sowohl mit Nightwish als auch bei ihren gelegentlichen Ausflügen ins klassische Fach aufbauen konnte. Ergo trat sie 2006 auch mit dem Organisten Kalevi Kiviniemi, dem Percussionisten Markku Krohn und dem Jazzgitarristen Marzi Nyman beim Lahti Organ Festival auf, und diese Konstellation funktionierte so gut, daß man die Weiterarbeit im Quartett beschloß, wenn die Terminkalender das erlauben würden. Letztgenannter Faktor wirkte in der Zukunft tatsächlich limitierend, aber seit 2008 geht man regelmäßig auf vorweihnachtliche Tour in Finnland (was Tarja schon zuvor jahrelang gepflegt hatte) und schnitt auf der 2009er Tour den Gig in Sibeliustalo, der Sibelius-Konzerthalle in Lahti, mit, der mit zweijähriger Verspätung nun auch noch als CD-DVD-Package oder auch als einzelne CD im außerfinnischen Raum das Licht der Welt erblickt. Zur Rezension lag die CD-Version vor, und nach deren Hören will man die DVD eigentlich gar nicht mehr sehen, denn die Entschleunigungswirkung, die von der Musik ausgeht, kann durch die Hinzufügung von Bildern eigentlich nur noch abgeschwächt, nicht aber verstärkt werden.
Wer freilich Tarja als langjährige Nightwish-Fronterin kennt und unter den 12 Tracks größere Mengen Nightwish-Material in uminstrumentierter Fassung zu hören hofft, wird enttäuscht werden: Aus dem Nightwish-Repertoire ist lediglich "Walking In The Air" als regulärer Setcloser vertreten, passend zur winterlich-verschneiten Stimmung des Albums. Die ersten zwei Drittel dagegen werden von finnischen Stücken dominiert, teils Traditionals, teils auch von finnischen Komponisten bearbeitet oder neukomponiert. Neben "En Etsi Valtaa Loistoa" des "Nationalheiligen" und Hallennamensgebers Jean Sibelius findet sich da etwa auch dessen Zeitgenosse Otto Kotilainen mit "Varpunen Jouluaamuna" (was für entrückte Klänge im Outro!), aber auch der romantische Italiener Luigi Luzzi hat sich mit seinem "Ave Maria" op. 80 "eingeschlichen". Ob sein Mariengesang die Inspiration für Tarjas Eigenkomposition eines "Ave Maria" bildete, muß offenbleiben, aber auch dieses Stück überzeugt nach dem etwas bemüht wirkenden Anfang mit dem gesprochenen Part im weiteren Verlaufe immer stärker und zeigt zudem die französisch beeinflußten Klangfarben der Grönlund-Orgel in Sibeliustalo, die auch in anderen Stücken eine markante Rolle spielen, etwa gleich im folgenden "Maa On Niin Kaunis", einem Traditional, bei welchem dem Rezensenten bis heute noch nicht eingefallen ist, woran ihn die Eingangsmelodie erinnert. Daß es sich bei Harus nicht einfach nur um ein Projekt handelt, sondern man in Zukunft auch noch enger zusammenarbeiten will, wird an "Astral Bells" deutlich, das die drei Instrumentalisten in Gemeinschaftsarbeit komponiert haben (ein collagenhaftes Stück mit klanglicher Glockendominanz, das auch von den frühen Pink Floyd stammen könnte und das die Entschleunigung mal kurz unterbricht). Dazu kommen im regulären Konzertteil noch "Stille Nacht", allerdings in einer finnischen Textfassung namens "Jouluyö, Juhlayö" (viel Spaß beim Mitsingen ...), sowie in der populärmusikalischen Stoßrichtung noch "You Would Have Loved This" von Cori Connors, bevor "Walking In The Air" den regulären Konzertteil abschließt. Erwarte natürlich auch hier niemand nightwishartigen Orchesterballadenmetal - der Entschleunigungsfaktor der kammermusikalischen Fassung übertrifft den der Nightwish-Umsetzung nochmal deutlich, und Nyman ist halt auch kein Metalgitarrist und Krohn kein Metaldrummer, so daß die einzigen Bombastmomente auf dem Album von Kiviniemi an der Orgel kommen, vom Traditional "Heinillä Härkien" mal abgesehen, wo Nyman an einen Metal-Leadgitarristen erinnert, Krohn auf riesigen Trommeln im Hintergrund herumdonnert, Turunen aus der dominierenden Mezzolage nach oben ausbricht und das Ganze dann durchaus auch auf "Angels Fall First" gepaßt hätte. Neben dem simplen Vorhandensein von "Walking In The Air" und natürlich der markanten Stimme Tarjas bleibt das allerdings der einzige Querverweis zu Nightwish, was der Hörer je nach persönlicher Interessenlage als Vor- oder Nachteil interpretieren kann. Allerdings ist das Crossoverpotential einer solchen Veröffentlichung natürlich enorm - nicht umsonst erscheint das Album im Hause Edel als Koproduktion zwischen dem Rocklabel earMusic und dem Klassiklabel Berlin Classics. Und da es dort draußen sicherlich eine beträchtliche Anzahl von Menschen gibt, die zwar generell weihnachtliche bzw. winterliche Crossoverprojekte mögen, denen das Trans-Siberian Orchestra aber zu amerikanisch, zu süßlich oder zu überladen vorkommt, sei genau dieser Personengruppe das vorliegende Album empfohlen. Als kleines Kuriosum stammt die Zugabe nicht aus Lahti, sondern vom anderen Ende der Welt, aus Melbourne, wo an der Hill-Orgel in der Stadthalle eine Orgel-Solo-Improvisation von Kiviniemi über ein weihnachtliches Thema mitgeschnitten wurde, was der knapp einstündigen CD einen zwar geringfügig anders gelagerten, aber nicht unlogischen Abschluß verleiht.
Kontakt: www.tarjaturunen.com

Tracklist:
Arkihuolesi Kaikki Heitä
Ave Maria op. 80
Ave Maria
Maa On Niin Kaunis
Varpunen Jouluaamuna
Heinillä Härkien
En Etsi Valtaa Loistoa
Jouluyö, Juhlayö (Silent Night)
Astral Bells
You Would Have Loved This
Walking In The Air
Improvisation: Variations Sur Un NoŽl
 




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