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Manuel Gervink/Jörn Peter Hiekel (Hrsg.): Dmitri Schostakowitsch - Das Spätwerk und sein zeitgeschichtlicher Kontext
von rls anno 2013
Daß das gesamte kompositorische Schaffen von Dmitri Schostakowitsch noch so manche Rätsel aufgibt, steht außer Frage. Im Falle des Spätwerkes tritt allerdings noch der Fakt hinzu, daß man diesen Werken nur äußerst selten in deutschen Konzertsälen begegnen wird - wenn wir mal die Sinfonien hernehmen, trifft man die 1., 5. und 10. noch relativ oft an, und die 7., die "Leningrader", nimmt in puncto Aufführungshäufigkeit zweifellos den Spitzenplatz ein. In den letzten Jahren ist zudem die 15. und damit letzte Sinfonie mehrmals zu Aufführungsehren gekommen - aber sonst? Die Vokalsinfonien Nr. 13 und 14 führen trotz der Tatsache, daß letztere gerade vier Tage vor Onlinegehen dieser Rezension bei den Schostakowitsch-Tagen in Gohrisch von der Sächsischen Staatskapelle Dresden gespielt und sogar via MDR Figaro übertragen wurde, ebenso ein Schattendasein wie Schostakowitschs weitere vokalgebundene Musik der späten Jahre, die teilweise ebenfalls sinfonische Dimensionen aufweist. Im Bereich der Kammermusik sieht es ähnlich aus, wobei hier die allerletzten Werke im Streichquartett- und Sonatenfach aufgrund ihrer extrem eigentümlichen Stimmung allerdings schon immer ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit gefunden haben.
Wie viele interessante Dinge sich aber auch über die scheinbar bekannteren Teile des Schostakowitsch-Spätwerkes noch eruieren lassen, machte ein Symposium deutlich, das im Oktober 2003 in Zusammenarbeit der Dresdner Musikhochschule und der Schostakowitsch-Gesellschaft Berlin veranstaltet worden war und dessen Beiträge seit 2006 auch in Buchform vorliegen. Einige musiktheoretische Abhandlungen über den technischen Terminus "Spätwerk" lesen sich dabei etwas zäh, aber Herausgeber Manuel Gervink beweist schon in seinem einführenden Beitrag, daß man auch solche Aspekte spannend und allgemeinverständlich aufarbeiten kann. Dann geht's schrittweise in die Tiefe, wobei die Sinfonik und speziell die Vokalsinfonik Schlüsselrollen spielen. Hochinteressant beispielsweise sind Kadja Grönkes Überlegungen zu den unterschiedlichen Ausdrucksformen in Text und Musik der "Lenin-Sinfonie" Nr. 12, ein Werk, das im Westen gerne herangezogen wird, um Schostakowitsch als parteilinientreuen und daher pauschal abzulehnenden Komponisten zu brandmarken, wohingegen Grönke scharfsinnig bemerkt, daß die hinter dem scheinbar klaren Programm liegende Musik hier und da eine ganz andere, gar bis zur Distanzierung reichende Sprache spricht. Die zeitgenössischen sowjetischen Hörer, die es gewohnt waren, "zwischen den Noten zu hören", konnten das natürlich problemlos entschlüsseln (ebenso wie die zweite Ebene in der Leningrader Sinfonie, das prominenteste Beispiel einer propagandistischen Umdeutung durch die herrschenden Kulturfunktionäre), aber der heutige und zudem westlich geprägte Hörer ist ohne "Anleitung" dazu kaum in der Lage. Und von derartigen Elementen gibt es eine ganze Menge im Buch zu entdecken, wobei sich keineswegs immer alle Autoren in allen Punkten einig sind - aber gerade diese Diskrepanzen zu entdecken und sich seine eigene Meinung zu bilden ist ein besonders intensiver Prozeß der Annäherung an ein Werk. Man vergleiche beispielsweise mal Friedbert Strellers Zitat vor Fußnote 19 auf S. 168 bezüglich des inhaltlichen Kontextes mit Stefan Weiss' ausführlicherer Version dieses Zitats auf S. 171 vor Fußnote 2 ...
Ein paar weitere Exempel seien wahllos herausgegriffen: Wolfgang Mende analysiert, welche Auswirkungen konstruktivistische Theorien auf Schostakowitschs Werk, besonders das Spätwerk, ausübten, Thomas Schipperges befragte eine große Anzahl zeitgenössischer Komponisten nach ihrer Meinung zu Schostakowitschs Spätwerk und dessen Einflüssen aufs eigene Schaffen (und erntete enorm viele negative Rückmeldungen zum letzteren, aber auch zum ersteren Punkt), Stefan Weiss befaßt sich mit den Filmmusiken Schostakowitschs zu "Hamlet" und "King Lear" (ein musikwissenschaftlich bisher äußerst unterbelichtetes Kapitel, vielleicht noch befeuert durch Schostakowitschs eigene Einstellung zu diesen Projekten, die er zumindest in den ersten Schaffensjahrzehnten bis zu Stalins Tod nur realisierte, um Geld zu verdienen bzw. um im Auge des Diktators etwas Nützliches zu tun), und Natalja Vlassova hat die Zeitschrift "Sowjetische Musik" im Hinblick auf Äußerungen zu Schostakowitschs Werken durchleuchtet und ist auch hochinteressante Brüche gestoßen, wenngleich man bei ihr einen Hinweis vermißt, daß in offiziellen sowjetischen Publikationen der Unterzeichner keineswegs auch der Autor sein mußte und daher im Hinblick auf den Quellenwert immer etwas Vorsicht geboten ist.
So entsteht ein äußerst kenntnisreiches Werk, das nicht dem Anfänger, wohl aber dem Fortgeschrittenen in puncto Schostakowitsch dringend ans Herz gelegt sei, auch wenn einiges für den Nicht-Musikwissenschaftler wirklich ein wenig schwierig zu lesen ist und zudem die im Haupttext (nicht jedoch in den Quellennachweisen!) angewendete sogenannte wissenschaftliche Translation (ein perfider Terminus, der assoziiert, alle anderen Übertragungsmethoden seien unwissenschaftlich und daher minderwertig) den an das zumindest in Ex-DDR-Gefilden übliche Transkriptionssystem gewöhnten Leser etwas irritiert. Aber der Erkenntnisgewinn in vielen der Beiträge lohnt die Mühe definitiv.
Manuel Gervink/Jörn Peter Hiekel (Hrsg.): Dmitri Schostakowitsch - Das Spätwerk und sein zeitgeschichtlicher Kontext. Dresden: Sandstein 2006. 218 Seiten, broschiert. ISBN 978-3-937602-89-9. 15,00 Euro
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