www.Crossover-agm.de RESIDENTS: Wormwood / Roadworms
von Norbert von Fransecky

RESIDENTS: Wormwood

Die Residents geben sich auf ihren beiden Silberlingen "Wormwood" und "Roadworms" zwar 100%ig biblisch, lassen es aber an Frömmigkeit erkenntlich mangeln. Schon bei der Auswahl der Bibelstellen, die sie auf den CDs bearbeiten, beweisen sie einen etwas eigentümlichen Geschmack. Die Hauptsache scheint für sie zu sein, dass Blut fließt. Mit diesem Kriterium folgen sie einem blutig roten Faden durch die Heilige Schrift: Der erste Mord von Kain an Abel, die Enthauptung von Johannes dem Täufer, das Verenden von Abschalom, der von den Häschern seines Vaters verfolgt, an seinen Haaren in einem Baum hängen bleibt das sind nur einige der insgesamt 18 "Curious Stories from the Bible", die auf "Wormwood" enthalten sind.
Auch für Bibelkundige bekommen diese Geschichten neue Facetten, wenn sie aus der Brille der Beteiligten oft der Täter betrachtet werden. Salome, die ihren Vater, den König Herodes, als Dank für einen erotischen Dank um den Kopf des Täufers gebeten hatte, kämpft im Residents-Song Jahre später mit ihren Schuldgefühlen. Belsazar, König von Babylon, versucht mit der inneren Unruhe fertig zu werden, die das "Menetekel" in ihm ausgelöst hat, eine geheimnisvoll-geisterhafte Schrift; die ihm großes Unglück angekündigt hatte.
Kompositionen im eigentlichen Sinn kann man die Residentschen Werke kaum nennen. Es sind eher Soundcollagen. Kurt Weill scheint einen nicht unbedeutenden Einfluss auf die Amerikaner zu haben. Angedeutete Rhythmen und Dissonanzen herrschen vor. Gequält bewegen sich die Stimmen singsprechend durch die Texte. Melodien sind selten. Ganz bewusst gelingt es so, den Hörer miterleben zu lassen, wie die biblischen Figuren von ihren quälend bedrängenden Gedanken zwischen Schmerz, Verzweiflung und Hoffnung hin und her gerissen werden.
Residents: Roadworms
"Roadworms", die zweite CD enthält neun "Wormwood"-Stücke, die während einer Deutschland-Tour im SFB-Sendesaal live aber ohne Publikum eingespielt wurden, um die Live-Arrangements zu dokumentieren. Dabei geht die Band im Vergleich zu den ursprünglichen Versionen etwas harmonischer und gebundener vor. Zusätzlich ist auf "Roadworms" ein auf "Wormwood" nicht enthaltenes Lied über Abraham und zu Beginn quasi als Begrüßung das Bekenntnis "Wir sind eine un-amerikanische Band", zu hören.
Um ihre Identität breiten die Residents einen bunten Nebel der Phantasie. Bei einer Reise durch ihre Homepage (www.residents.com) kann mal vieles entdecken - allerdings mit der eindeutigen Warnung, darunter gäbe es auch (!) "Dinge, die wahr sind". Zu stimmen scheint zumindest, dass die Ursprünge der Band bereits Anfang der 70er Jahre in San Francisco zu suchen sind, dass frühe Video-Produktionen von ihnen zur ständigen Sammlung des Museum of Modern Art in New York gehören und Bühnenkostüme im Los Angeles Museum of Contemporary Art zu sehen sind. Bezeichnend ist die Geschichte, die ein Fan erzählt. Er lernte die Residents als skurrile Underground-Band in einem amerikanischen Comic kennen, und brauchte lange, bis er glauben konnte, dass diese Gruppe wirklich real existiert. Und damit schließt sich der Bogen: An die Realität biblischer Geschichten zu glauben, erfordert ja auch etwas Zeit und Mut.



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